Rovaniemi at night

Nachhaltigkeit

7 Minuten Lesezeit

Der Übergang zur Kreislaufwirtschaft: die nächste große Transformation

Die Welt hat mit der Digitalisierung einen rasanten Sprung nach vorn erlebt, der die Art und Weise, wie wir leben und arbeiten, gewaltig verändert hat. Angesichts der Dringlichkeit des Klimawandels rückt nun der nächste Schritt ins Blickfeld: der Übergang von einer linearen zu einer Kreislaufwirtschaft. Was bedeutet das für unser tägliches Leben, unsere Infrastrukturen und unsere Geschäftsmodelle?

Laura Puttkamer

Laura Puttkamer

2022-09-30T00:00+03:00

Was können wir von der Kreislaufwirtschaft in der Arktis lernen?

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Das Modell der Kreislaufwirtschaft, das durch Kate Raworths Arbeit über die „Doughnut Economics“ bekannt wurde, beruht auf einer einfachen Prämisse: Bleiben Ressourcen länger im Kreislauf, werden die Emission von Treibhausgasen minimiert sowie die Abhängigkeit von fossilen Ressourcen und die Abfallproduktion verringert.

Das erfordert einen kulturellen Wandel – weg von isolierten, individuellen Geschäftsmodellen, die eine kurze Produktlebensdauer fördern, und hin zu einem wirtschaftlichen Umfeld, in dem Synergien, Kooperationen, Wiederverwendung, Reparatur und Qualität einen Kreislauf prägen.

Laura Puttkamer, Journalistin für urbane Nachhaltigkeit, untersucht, wie der Übergang zu einer Kreislaufwirtschaft aussehen könnte. Sie wirft einen genaueren Blick auf die finnische Stadt Rovaniemi in Lappland und fragt, was wir von dieser Vorreiterin der arktischen Kreislaufwirtschaft lernen können.

Was ist die arktische Kreislaufwirtschaft?

Die Abmilderung der Klimakrise ist eine besonders dringende Herausforderung in der arktischen Region, einem Gebiet mit extremen Wetterbedingungen, in dem die Auswirkungen des Klimawandels bereits deutlich zu spüren sind.

Finnlands Strategie 2021 für die arktische Region zielt darauf ab, die lokale Wirtschaft im Sinne der Kreislaufwirtschaft und der Widerstandsfähigkeit gegen den Klimawandel umzugestalten.

Laut Sanna Tyni, einer Forscherin und Dozentin an der Hochschule für angewandte Wissenschaften in Lappland, geht es bei der arktischen Kreislaufwirtschaft darum, „mit intelligenten, hilfreichen Aktivitäten in unserer Region nachhaltig zu wirtschaften. Wir müssen Ressourcen mit Bedacht nutzen, Lösungen für Herausforderungen wie große Entfernungen finden, industrielle Nebenströme entwickeln und mit dem öffentlichen Sektor zusammenarbeiten.“

„Wir müssen Ressourcen mit Bedacht nutzen, Lösungen für Herausforderungen wie große Entfernungen finden, industrielle Nebenströme entwickeln und mit dem öffentlichen Sektor zusammenarbeiten.“

Sie verweist auf das Green-Deal-Programm des Regionalrats von Lappland als Beispiel dafür, wie man eine Region durch eine klimafreundliche und intelligente kohlenstoffarme Wirtschaft als nachhaltiges Wirtschaftszentrum neu definieren kann.

Wie setzt Rovaniemi die Kreislaufwirtschaft um?

Erkki Lehtoniemi, Umweltbeauftragter im Bürgermeisteramt von Rovaniemi, erklärt die inhärenten Herausforderungen, die die Grundlage für die Kreislaufwirtschaft in der Region bilden: „Aufgrund unserer arktischen Lage müssen wir mit kaltem Wetter, großen Entfernungen und eher kleinen Materialströmen rechnen, da wir keine großen Industrien haben. Wenn es zum Beispiel um die Sammlung von Bioabfällen geht, kann es für diejenigen, die weit vom Zentrum entfernt wohnen, sinnvoller sein, diese zu kompostieren, als sie zu sammeln.

Andernfalls kann die Entfernung zur örtlichen Sammelstelle bis zu 90 Kilometer betragen, und die Abfälle werden dann nach Oulu transportiert, das mehrere Autostunden entfernt ist. Im Hinblick auf die Transportemissionen macht das keinen Sinn.

Einige der Herausforderungen hängen mit der lokalen Lebensmittelverwertung zusammen, andere sind bürokratischer Natur, und wieder andere sind verhaltensbedingt“, fügt er hinzu.

Wie die Digitalisierung erfordert auch der Wechsel zu einer Kreislaufwirtschaft andere Verhaltensweisen und infrastrukturelle Veränderungen bei Unternehmen, Privatpersonen und dem öffentlichen Sektor. Um sicherzustellen, dass die Kreislaufwirtschaft bei allen politischen und wirtschaftlichen Entscheidungen in Rovaniemi im Vordergrund steht, war die Einstellung eines Spezialisten für Kreislaufwirtschaft durch den Stadtrat ein wichtiger Schritt. Infolgedessen sind beispielsweise eine bessere Ressourceneffizienz im Bauwesen, eine Verringerung der Lebensmittelverschwendung, ein Anstieg der Sharing-Economy-Angebote und eine florierende Secondhand-Kultur zu beobachten.

"Eine stärkere regionale Zusammenarbeit ist sehr vorteilhaft, da sie ein Supportnetzwerk und mehr Berührungspunkte mit der Kreislaufwirtschaft schafft und es lokalen Unternehmen erleichtert, den Sprung zu wagen."

Rovaniemis Fahrplan für eine Transformation zur Kreislaufwirtschaft konzentriert sich auf nachhaltiges Reisen, Tourismus und Natur. Die Stadtverwaltung etabliert zum Beispiel in enger Zusammenarbeit mit den lokalen samischen Gemeinschaften ein Marketingnetzwerk für ethische und nachhaltige samische Kulturprodukte.

Eine stärkere regionale Zusammenarbeit ist sehr vorteilhaft, da sie ein Supportnetzwerk und mehr Berührungspunkte mit der Kreislaufwirtschaft schafft und es lokalen Unternehmen erleichtert, den Sprung in die Kreislaufwirtschaft zu wagen. In Rovaniemis Nachbargemeinde Kemi-Tornio beispielsweise arbeiten große Unternehmen ebenfalls an der Entwicklung eines stärker auf Kreislaufwirtschaft ausgerichteten Ansatzes. Das Projekt Green Kemi stellt die Zusammenarbeit zwischen finnischen und schwedischen Städten sowie kommunale Aktivitäten in den Mittelpunkt. Diese Initiativen wirken sich positiv auf die gesamte Region aus, denn eine Kreislaufwirtschaft führt zu einer nachhaltigen Lebensweise. Unterm Strich sorgt das Zusammenspiel der Initiativen für einen Beitrag zur Kreislaufwirtschaft, der größer ist als die Summe der einzelnen Teile.

Der Fahrplan zur Kreislaufwirtschaft: Von kleinen Schritten zu großen Sprüngen

Die Umstellung auf eine Kreislaufwirtschaft geschieht nicht von heute auf morgen, und das ist eine wichtige Botschaft an jeden von uns: Erkennen Sie die kleinen Schritte, die Sie jetzt unternehmen können, um die große Zukunftsvision zu erreichen. Welche Maßnahmen können jetzt ergriffen werden, um den Weg zu ebnen und ein Sprungbrett für eine echte Transformation zu schaffen?

Verhaltensänderungen und ein kultureller Wandel können jetzt eingeleitet werden, und zwar durch Aufklärung und durch Unterstützung der Unternehmen, die auf neue Denk- und Handlungsweisen ausgerichtet sind.

In Finnland beispielsweise unterstützen Denkfabriken wie das Circular Economy Centre die arktische Kreislaufwirtschaft, indem sie Geschäftskonzepte entwickeln, Unternehmen dabei helfen, neue Wege der Zusammenarbeit zu finden, und Studierende und Angestellte über die Kreislaufwirtschaft aufklären.

„Bildungsmaßnahmen im Bereich Kreislaufwirtschaft müssen die Wirtschaftspädagogik ergänzen. Deshalb haben wir unsere Lehrpläne in sieben verschiedenen Studienbereichen aktualisiert. Wir wollen, dass alle Studierenden, die unsere Universitäten verlassen, zumindest über Grundkenntnisse in Sachen Kreislaufwirtschaft verfügen“, sagt Tyni.

„Wir wollen, dass alle Hochschulabsolventen zumindest über Grundkenntnisse in Sachen Kreislaufwirtschaft verfügen“.

Laut Lehtoniemi sei das Wichtigste, einfach anzufangen, selbst mit begrenzten Kenntnissen und Ressourcen – das Engagement für mehr Nachhaltigkeit und die Einhaltung der Grundsätze der Kreislaufwirtschaft bei gleichzeitiger Förderung der Zusammenarbeit führe mit der Zeit zu größeren Schritten und somit zu einer Transformation.

Er sagt: „Unsere Ressourcen, was zum Beispiel das Personal anbelangt, sind gering. Das könnte sich jedoch in Zukunft ändern, da Kreislaufwirtschaft nun Teil unserer Strategie ist.“

Die wichtigsten Bestandteile einer Kreislaufwirtschaft

Rovaniemi ist aufgrund seiner politischen Unterstützung für zirkuläre Wirtschaftsmodelle ein Vorreiter in der Kreislaufwirtschaft. Lehtoniemi zufolge ist das Modell der Stadt auf andere Kleinstädte und Orte übertragbar. Er betont, dass multidimensionale Lösungen essentiell für komplexe Herausforderungen sind. „Wenn es zum Beispiel um erneuerbare Energien geht, sollten wir uns nicht von einer einzigen Energieform wie Windkraft abhängig machen. Vielmehr brauchen wir mehrere Energiequellen.“

„Wenn es um erneuerbare Energien geht, sollten wir uns nicht von einer einzigen Energieform wie Windkraft abhängig machen. Vielmehr brauchen wir mehrere Energiequellen.“

Wie kann man den Sprung schaffen und die Transformation zur Kreislaufwirtschaft erreichen? Tyni erklärt, dass dies immer von der jeweiligen Branche und dem Kontext abhängt. Sie fügt hinzu: „Die Berechnung des CO2-Fußabdrucks eines Produkts mag wie ein kleiner Schritt aussehen, aber es ist ein sehr wichtiger erster Schritt. Außerdem müssen wir Unternehmen den Übergang zur Kreislaufwirtschaft so leicht wie möglich machen. Wir wissen schon seit langer Zeit, wie wir zirkulär produzieren können, aber jetzt müssen wir uns daran erinnern.“

Der Sprung in die Kreislaufwirtschaft ist zweifelsohne etwas, dem man sehr optimistisch entgegensehen kann.

Tyni sagt: „Es ist keine Astrophysik, sondern es geht nur darum, die Dinge aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Irgendwann in der Geschichte der Menschheit haben wir begonnen, Abkürzungen zu nehmen und weniger intelligent zu handeln. Es ist an der Zeit, auf eine neue Art und Weise zu handeln und gleichzeitig alte Praktiken wieder aufzunehmen, also die Zukunft zu gestalten und die Vergangenheit zu korrigieren.“

Es ist sinnvoll, von denen zu lernen, die den Weg bereits geebnet haben, aber jedes Unternehmen, jede Gemeinde und sogar jeder Haushalt muss seine eigenen Herausforderungen berücksichtigen.

Allen, die in die Fußstapfen von Rovaniemi treten wollen, raten Tyni und Lehtoniemi einvernehmlich, ihren eigenen Fahrplan zu erstellen. Es ist sinnvoll, von denen zu lernen, die den Weg bereits geebnet haben, aber jedes Unternehmen, jede Gemeinde und sogar jeder Haushalt hat seine eigenen Herausforderungen zu bewältigen. Jede Strategie für den Sprung in die Kreislaufwirtschaft muss daher an den jeweiligen Kontext angepasst werden. Aber wenn wir uns die Erfahrungen von Städten wie Oakland und Rovaniemi zunutze machen, wenn wir zusammenarbeiten und voneinander lernen, können wir den Sprung in die Kreislaufwirtschaft zur großen Transformation des nächsten Jahrzehnts machen – und unseren Kindern einen besseren Planeten hinterlassen.

5 Tipps für den Wechsel zur Kreislaufwirtschaft:

  1. Geschäftsmodell überdenken: Wie können Sie die Prinzipien der Wiederverwendung, Reparatur und Qualität in den Mittelpunkt Ihrer Tätigkeit rücken?

  2. Zusammenarbeit: Finden Sie andere Unternehmen und Branchen, mit denen Sie zusammenarbeiten können, um nachhaltige Synergieeffekte zu erzielen und unterstützende Nebenströme zu entwickeln.

  3. Ressourcen intelligent nutzen: Prüfen Sie, wo Sie bessere Entscheidungen treffen können, um Emissionen und Abfälle zu reduzieren – und zwar in der gesamten Wertschöpfungskette – und unterstützen Sie die Regeneration des natürlichen Lebensraums in Ihrer Umgebung.

  4. Bewusstseinswandel einleiten: Fördern Sie Verhaltensänderungen und kulturellen Wandel durch Schulungen und Fachkräfte, um eine langfristige Akzeptanz in Gemeinden und Teams zu erreichen.

  5. Einfach beginnen: Eine Kreislaufwirtschaft entsteht nicht über Nacht. Ermitteln Sie die kleinen Schritte, die Sie jetzt unternehmen können, um mit der Zeit einen vollständigen Kreislauf zu erreichen.